Vor 23 Jahren: Aids Verschwörungstheorien
Jan 12th, 2010 | By admin | Category: Hauptartikel, NewsDie deutsche ‚tageszeitung‘ (taz) hat sich am Wochenende selbstkritisch damit auseinandergesetzt, wie sie vor 23 Jahren der Stasi auf den Leim ging und die Theorie verbreitete, der AIDS-Erreger sei künstlich in einem B-Waffen-Labor der US-Army hergestellt worden. Auch wir von der Sozialen Medizin wurden im Jahr 1987 von LeserInnen bestürmt, wir sollten diese These verbreiten. Wir glaubten aber nicht daran und bezeichneten die Theorie in unserer Sonderausgabe zu Aids (Soziale Medizin 9/87) sogar ausdrücklich als falsch. Damit wollen wir uns keineswegs als die besseren Journalisten brüsten, aber ein paar Überlegungen zu Verschwörungstheorien anstellen, wie sie jetzt auch in Zusammenhang mit der Schweinegrippe kursieren.
Es war im Jahr 1987, ich war seit gut 2 Jahren Redaktor der Sozialen Medizin, als mir ein Leser immer wieder Ausschnitte aus der taz schickte. Er beschwor mich, das Thema aufzugreifen. Das HI-Virus sei von Wissenschaftlern der US-Army in den B-Waffen-Labors von Fort Detrick in Maryland entwickelt und anschliessend an Strafgefangenen getestet worden. Dabei habe es sich in der Bevölkerung verbreitet, vor allem unter Schwarzen und Homosexuellen.
Obwohl ich kein medizinischer Experte war, glaubte ich die These nicht. Sie passte zu gut ins links-grüne Weltbild, indem sie die Supermacht USA, die Rüstungstechnologie und die damals noch junge Gentechnologie ins Unrecht versetzte. Die Wirklichkeit hat in der Regel nicht die Eigenschaft, sich unseren ideologischen Weltbildern anzupassen. Im Gegenteil, meistens erschüttert sie diese. Die Ärzte in unserer Redaktionsgruppe untermauerten meine Zweifel, indem sie in der B-Waffen-These relativ rasch auch wissenschaftliche Widersprüche fanden.
Interessant an der damaligen Theorie, die vom renommierten (damals allerdings schon 76jährigen) DDR-Biologen Jakob Segal vertreten wurde, sind ihre politischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge. Wie die taz heute sagt, wurde die damalige Affäre von der Stasi aufgegleist, die den renommierten Schriftsteller Stefan Heym sowie eben Jakob Segal instrumentalisiert haben soll. Wenn die taz das sagt, wird es so sein. Sonst hätte ich meine Zweifel an der Stasi-These. Denn auch diese passt sehr gut in gewisse ideologische Weltbilder. Ich würde sonst eher annehmen, der alternde Jakob Segal habe an seine These geglaubt und sich gedrängt gefühlt, diese der Welt kund zu tun (möglicherweise glaubte Segal ja daran; vielleicht sah er es als ehrlicher Kommunist aber auch als seine Pflicht an, seinem Land und der Stasi zu helfen). Eher merkwürdig finde ich, dass die Stasi an den Erfolg ihrer Aktion glaubte. Dass sich ein Land mit einem derartigen Geheimdienst zwei Jahre später aus der Weltgeschichte verabschieden musste, wundert mich nicht.
Dass gefährliche Infektionskrankheiten Mythen und Verschwörungstheorien erzeugen, ist normal. Zu Beginn der 1990er Jahre tauchten diejenigen auf, die behaupteten, das HI-Virus spiele bei der Entstehung von AIDS gar keine Rollle. Auch von dieser Theorie wollten uns gewisse Leute um jeden Preis überzeugen. Es gelang ihnen aber nicht. Und jetzt gibt es Leute, die behaupten, die Pharmaindustrie habe die Schweingrippe erfunden. Was wir davon halten, können Sie sich ja denken.
Ruedi Spöndlin, 12.01.10
Mythen um AIDS
Als Ergänzung hier ein Hintergrundartikel, der 1999 in der Sozialen Medizin erschienen ist:
Die letzten achtzehn Jahre sind nicht nur die Geschichte von Aids, sondern auch diejenige widersprüchlichster Theorien, Metaphern und Mythen zu dieser seltsamen Krankheit. Darin widerspiegeln sich die unterschiedliche Ängste und Erwartungen.
von Ruedi Spöndlin
Anfang der achtziger Jahre stand die Medizin vor einem Rätsel. Am 5. Juni 1981 berichtete das Mitteilungsblatt des ‘Center for Desease Controle’ in Atlanta (Georgia/USA), innerhalb eines Monats seien ihm fünf Patienten mit der seltenen Lungenentzündung Pneumocystosis gemeldet worden.. Alle fünf würden in Los Angeles leben und seien jüngere homosexuelle Männer. Die Pneumocystosis wird von einer banalen Mikrobe hervorgerufen, die praktisch überall auf der Welt vorkommt und für gesunde Menschen nicht gefärhlich ist. Krankheitssymptome ruft sie nur bei geschwächter Immunabwehr hervor, etwa bei einer Leukämie. Bei gründlicher Untersuchung der fünf Erkrankten fanden sich dann noch weitere Infekte, die ebenfalls von sonst unbedeutenden Errgern hervorgerufen wurden, etwa die seltene Krebsart ‘Kaposi-Syndrom’ und ein Pilzbefall der Mundschleimhaut.
In den folgenden Monaten wurden immer neue Fälle dieser seltsamen Erscheinung gemeldet. Betroffen waren fast immer jüngere männliche Homosexuelle, manchmal um auch GebraucherInnen intravenös gespritzter Drogen und Hämohile, die Blutprodukte benötigt hatten. Beobachtet wurden die seltsamen Erkrankungen zunächst nur in Los Angeles, dann in New York und anderen Städten der USA. Ab 1982 traten in Europa dies ersten Fälle auf.
Der Wettlauf nach dem Virus
Das ‘Center of Disease Control’ gab der Erscheinung 1981 einen Namen: AIDS – aquired immune deficiency syndrome. Durch diese Benennung wurde die rätselhafte Krankheit einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Über ihre Ursachen wusste man aber noch nichts. Umso eifriger wurde darüber spekuliert, moralisierende Interpretationen schossen ins Kraut. Von der Rache der Natur für die “unnatürliche” Lebensweise der Schwulen war beispielsweise die Rede. Im deutschsprachigen Raum tat sich der ‘Spiegel’ mit derart hetzerischen Äusserungen hervor (z.B. Spiegel Nr. 45/1984). AnhängerInnen einer freiheitlichen Sexualmoral widersprachen entrüstet (vgl. SM 6+7+8/85). Die Suche nach den Ursachen von AIDS wurde zum Thema von höchster gesellschaftpolitischer Brisanz.
Die Ausbreitung von AIDS liess dann bald auf ein Virus schliessen. Nach diesem wurde fieberhaft gesucht. 1983 gelang es dem Team von Luc Montagnier in Frankreich, das LAV-Virus als AIDS-Erreger nachzuweisen. Montagnier war aber nicht der einizige, der hinter dem Virus her war. Das Team von Robert Gallo in den USA konnte 1984 Montagniers Entdeckung bestätigen und gab dem Virus den neuen Namen HTLV-III. Ab 1986 sprach man dann vom HIV-Virus. Gallo hatte den Ruhm der Erstentdeckung zwar knapp verpasst. Dafür liess sich aufgrund seiner Forschung ein Diagnosetest entwickeln. Der dramatische Wettlauf zwischen Montagnier und Gallo nährte später immer wieder den Verdacht, die beiden könnten ungenau gerarbeitet haben, um als erster ans Ziel zu kommen.
Rassismus und der Ursprung in Afrika
In der Folge kreisten die Spekulationen um die Herkunft des Virus. Weil Schwarze, vor allem in die USA eingewanderte HaitianerInnen, besonders stark von AIDS betroffen waren, wurde schon bald ein afrikanischer oder afro-amerikanischer Ursprung vermutet. Bestärkt wurde diese Annahme durch die Entdeckung eines ähnlichen Virus bei afrikanischen Affen. Es schien naheliegend, dass das Virus in Afrika durch Affenbisse auf Menschen übertragen worden war.
Diese afro-amerkanische These drohte, ohnehin vorhandene rassistische Vorurteile zu verstärken. Viele Menschen guten Willens stürzten sich deshalb auf jeden Anhaltspunkt für eine andere Entstehungstheorie. Eine grosse Rolle spielte dabei die Vermutung, das HIV-Virus könnte durch einen Laborunfall entstanden sein. Geradezu ideal ins links-grüne Weltbild passte dann die These, die der damals 76-jährige Biologieprofessor Jakob Segal aus Ostberlin im Jahre 1987 auftischte. Sie lautete, das HIV-Virus sei 1977 durch Genmanipulation in den B-Waffen Labors der US-Army in Fort Detrick geschaffen und anschliessend an Strafgefangenen gestestet worden. Diese hätten es 1979, nach ihrer Entlassung, in New York verbreitet. (vgl. SM 9/87)
Kein Wunder, wurde Segals These begeistert aufgenommen. Sie versprach, sowohl die damals noch junge Gentechnologie als auch die B-Waffenforschung ein für allemal ins Unrecht zu versetzen. Dass sie bei Lichte betrachtet höchst unplausibel war und sich durch keinerlei Fakten stützen liess, wollten viele nicht sehen.
Der Ursprung des HIV-Virus ist bis heute nicht restlos geklärt. Gestützt auf eine kürzliche Nachuntersuchung von alten Blutproben wird vermutet, dass der zur Aids-Epidemie führende Virusstamm Ende der vierziger oder anfangs der fünfziger Jahre in Afrika aufgetaucht sei. Auch die Übetragung von Affen auf den Menschen gilt nach wie vor als sehr wahrscheinlich. Neustes Untersuchungen deuten darauf hin, dass sich Menschen beim Zerlegen gejagter Schimpansen angesteckt haben könnten.
Hat AIDS nichts mit einem Virus zu tun?
Ab den späten achtziger Jahren ging das Interesse an der Herkunft des Virus deutlich zurück. Für Aufsehen sorgte bald eine ganz andere These, die vom deutschstämmigen Molekularbiologen Peter Duesberg von der Berkley-Universität in Kalifornien stammte. Duesberg, ein renommierter Krebs- und Virusexperte, bezweifelte, dass AIDS vom HIV-Virus verursacht wird. Im Laufe der Zeit entwickelte er seine These weiter und behauptet noch heute steif und fest, die Ursache von AIDS sei im wesentlichen die ungesunde Lebensweise vieler Drogenabhängiger und Schwuler. Das Virus spiele keine Rolle. Ähnlich, wenn auch nicht ganz gleich, äusserten sich Eleni Eleopulos und der emeritierte Berner Medizinprofessor Alfred Hässig, ein weltweit bekannter Spezialist für das Blutspendewesen (vgl. SM 3/93). Pikant ist: Im vergangenen Dezember wurde Hässig vom Genfer Strafgericht der Gefährdung des Lebens und Körperverletzung schuldig gesprochen und einem Jahr Gefägnis bedingt verurteilt. Ihm wurde vorgeworfen, als Direktor des Zentrallaboratoriums des Schweizerischen Roten Kreuzes zugelassen zu haben, dass von 1985 an nicht auf HIV getestete Blutprodukte auf den Markt gebracht wurden. Hässig hat gegen das Urteil rekurriert, so dass sich noch mindestens eine obere Instanz mit dem Fall befassen muss.
Die Thesen dieser HIV-Dissidenten kamen den Hoffnungen tausender von Betroffenen entgegen. Ihre zentrale Botschaft lautete nämlich: Eine HIV-Infektion bedeutet kein Todesurteil. Der Ausbruch von AIDS hat gar nicht oder nur beschränkt mit dem Virus zu tun, eine grössere Rolle spielt die Lebensweise. Nach der Lehrmeinung mussten sich HIV-Infizierte hingegen auf einen ziemlich sicheren Tod innert weniger Jahre einstellen.
Auf Interesse stiessen die HIV-Dissidenten bei KritikerInnen der Pharmaindustrie, weil sie AZT, das damals einzige AIDS-Medikament AZT als kontraproduktiv bezeichneten.
Ebenfalls über die Duesberg-These freuen konnten sich diejenigen, welchen die HIV-Prävention den Spass am Sex verdorben hatte. Wenn das Virus keine Rolle spielte, konnte man auch die Präservative wieder sein lassen. Damit lässt sich die an Diskussionsverweigerung grenzende Abwehrhaltung erklären, welche BehördenvertreterInnen und viele ÄrztInnen Duesberg gegenüber einnahmen. Man warf ihm vor, die Präventionsarbeit zunichte zu machen. Alfred Hässig war in dieser Hinsicht zurückhaltend und plädierte dafür, die Regeln der HIV-Prävention vorsichtshalber doch zu beherzigen.
Die Virus-Theorie als Garantin der Solidarität
Ebenfalls starke Abwehrreflexe löste Duesbergs-These sicher aus, weil sie AIDS auf bestimmte Lebensweisen zurückführte. Damit öffnte sie die Tür für moralisierende Schuldzweisungen an Schwule und Drogenabhängige, wie sie vor Entdeckung des Virus Konjunktur hatten. Duesberg selbst – das ist zu anerkennen – äusserte sich allerdings nie in diese Richtung. Diskriminierung und ausgrenzende Moral war für ihn kein Thema. Das Gleiche gilt für Hässig und die anderen bekannten HIV-Dissidenten.
Die HIV-Theorie ist tatsächlich ein starkes Bollwerk gegen moralisierende Schuldzuweisungen. Eine ausgrenzende Seuchenpolitik liesse sich jedoch auch mit ihr legitimieren – mit zwangsweisen Tests und der Internierung von VirusträgerInnen. Ansätze dazu gab es immer wieder. Insgesamt setzte sich in Westeuropa aber eine liberale AIDS-Politik durch, wozu die führenden VertreterInnen der HIV-Theorie massgebend beitrugen. In den Präventionskampagnen wurde die Botschaft vom Virus immer an die Empfehlung von Präservariven und sauberen Spritzen gekoppelt. Gleichzeitig wurde Solidarität mit den Betroffenen gefordert. Ohne das HIV-Virus wäre die heutige liberale Drogenpolitik in der Schweiz nie möglich gewesen. Somit gibt es gute gesellschaftspolitische Gründe, seine Bedeutung zu verteidigen.
Duesberg und seine MitstreiterInnen konnten sich durchaus auf Beobachtungen stützen. So gab es HIV-Infizierte, bei welchen die Krankheit Aids nach zehn bis fünfzehn Jahre noch nicht ausgebrochen war. Dies widersprach der ursprünglichen Lehrmeinung. Die durchschnittliche Latenzzeit zwischen Infektion und Ausbruch der Krankheit musste dann laufend nach oben korrigiert werden. Heute steht nicht einmal fest, ob alle HIV-Infizierten einmal an Aids erkranken.
Somit legten die HIV-Dissidenten um Duesberg den Finger auf ein paar wunde Punkte der Lehrmeinung. Zum Einsturz brachten sie diese aber nicht. Die zentrale Behauptung der Dissidenten, dass es AIDS-Fälle ohne HIV-Virus gebe, scheint inzwischen widerlegt zu sein. Ebenfalls ins Unrecht versetzt wurde Alfred Hässig, der noch vor wenigen Jahren auf die geringe Häufigkeit von AIDS in Asien hinwies und dies mit dem häufigen Genuss von Grüntee in jener Weltgegend erklärte. Inzwischen verbreitet sich AIDS in Asien leider ganz rasant.
Seit ein paar Jahren scheint das Interesse an den Thesen von Duessberg und Konsorten in der Öffentlichkeit nachzulassen. Dies könnte damit zu tun haben, das es Medikamente gibt, die – wenn auch mit vielen Nebenwirkungen – ein längerfristigeres Überleben von Aidskranken zu ermöglichen scheinen. Damit hat AIDS seinen Schrecken etwas verloren.
Trotzdem ist das Leiden der Betroffenen nach wie vor beträchtlich – vor allem in Afrika und Asien, aber auch in der Schweiz. Unsere Solidarität ist weiterhin gefordert. Auch sollten die Gebote der Prävention – des Safer Sex – nicht in den Wind geschlagen werden.