Ungerechtfertige Kritik an Pandemieplanung

Jan 22nd, 2010 | By sponline | Category: News

Spott und Häme ergiessen sich über die WHO und die Gesundheitsbehörden. Sie hätten die Risiken der Schweingrippe unnötig aufgebauscht und Panik geschürt. Indem sie rasch eine massvolle und vernünftige Strategie propagierten, kamen sie aber den Aposteln einer repressiven und diskriminierenden Pandemieprävention zuvor.

Im Nachhinein ist man immer klüger. Als sich im Frühsommer von Mexiko aus die Schweingrippe auszubreiten begann, konnte niemand wissen, dass diese Pandemie harmlos verlaufen würde. Aber auch wenn der relativ milde Verlauf absehbar gewesen wäre, hätten die nationalen und internationalen Gesundheitsbehörden nicht einfach die Hände in den Schoss legen können. Sonst hätten andere das Heft in die Hand genommen und unter Umständen viel unheilvollere Pläne verwirklicht.

Grosse Infektionskrankheiten oder „Seuchen“ sind etwa Aussergewöhnliches. Deshalb rufen sie diejenigen auf den Plan, die eh schon vom Ausnahmezustand träumen. Diese sehen dann ihre Stunde gekommen, um die bürgerlichen Freiheitsrechte ausser Kraft zu setzen, etwa durch Einschränkungen der Bewegungsfreiheit, Zwangsquarantäne und zwangsweise Impfungen. Meistens neigen sie auch zu diskriminierenden Vorstellungen und versuchen, von der Krankheit besonders betroffene Bevölkerungsgruppen auszugrenzen. Etwa durch Rayonverbote und Einreisesperren. Solche Massnahmen sind durchaus populär, besonders wenn sie ohnehin schon unbeliebte Minderheiten oder Ethnien betreffen. SARS beispielsweise, eine Krankheit, die aus Asien kam, eignete sich wunderbar zum Ausleben von Vorurteilen gegenüber Asiaten. Auch die Schweiz verbot Chinesen damals die Teilnahme an der Uhren- und Schmuckmesse, was sich durchaus rational begründen liess, aber natürlich auch fremdenfeindlich unterlegten Beifall fand. Da Chinesen in unserer Weltgegend allerdings nicht die bevorzugte Zielscheibe fremdenfeindlicher Ressentimens sind, weckte die Sache keine allzu hohen öffentlichen Emotionen.

Vorurteile geweckt

Viel besser zur Bestärkung von Vorurteilen eignete sich AIDS, eine Krankheit, die sexuell übertragbar ist und zunächst vor allem Homosexuelle und Schwarze betraf. Ende der 1980er Jahre überboten sich gewisse Politiker mit diskriminierenden Vorschlägen wie der zwangsweisen Tätowierung von HIV-Positiven oder deren Internierung in so genannten „Sidatorien“ (vgl. Soziale Medizin 9.87). Die Grossmacht USA verbot HIV-positiven Ausländern damals die Einreise. Ein sinnloses und diskiminierendes Verbot, das Präsident Obama erst vor wenigen Wochen wieder aufgehoben hat.

Obwohl sich die Schweinegrippe weniger auf bestimmte Bevölkerungsgruppen konzentriert, rief auch sie gleich Vorurteile auf den Plan. Falls ein Mensch mit südländischem Aussehen im Frühsommer 2009 in einem Flugzeug mehrmals husten musste, sah er sich bösen Blicken ausgesetzt. Manche Reisende setzten alle Hebel in Bewegung, nicht in seiner Nähe sitzen zu müssen. Und nach der Landung dürfte unter Umständen auch die Grenzpolizei ein besonders kritisches Auge auf ihn geworfen haben. In gewissen Ländern stand ernsthaft zur Diskussion, beispielsweise Flugzeugen aus Mexiko keine Landerlaubnis mehr zu erteilen. Das wäre nicht einfach nur ein „Luxusproblem“ für ein paar Rucksacktouristen gewesen, sondern hätte viele MigrantInnen auf dem amerikanischen Kontinent existenziell getroffen. Wohlverstanden, solche Massnahmen können in gewissen Situationen unumgänglich sein. Aber sie werden meistens vorschnell in Betracht gezogen und allein aufgrund von Vorurteilen gegen gewisse Menschengruppen gerichtet. Zudem hat die Seuchenprävention bereits ein erstes Mal versagt, wenn sie zu Zwangsmassnahmen greifen muss. Eine auf Überzeugung beruhende Vorsorgestrategie ist viel wirkungsvoller.

Ausgrenzung und Repression zuvorkommen

Verhindern lassen sich derart repressive und ausgrenzende Präventionsstrategien nur, indem die Verantwortlichen rasch und mit Entschiedenheit ein massvolles Massnahmepaket propagieren. Im Fall von AIDS gelang das der WHO und beispielsweise dem schweizerischen Bundesamt für Gesundheit sehr gut. Durch ihr rechtzeitiges und kompetentes Auftreten konnten sie einen toleranten Umgang mit der Krankheit durchsetzen. Und auch im Fall der Schweinegrippe waren ihre Vorschläge massvoll und vernünftig. Sie empfahlen, die Hände zu waschen, allenfalls Gesichtsmasken zu tragen und sich impfen zu lassen, nicht aber die Bewegungsfreiheit einzuschränken und das öffentliche Leben zum Erliegen zu bringen. Auch wenn diese Empfehlungen unnötig gewesen sein sollten, haben sie niemandem geschadet. Im Gegenteil, sie zeigten der Bevölkerung, wie man sich gegen eine Pandemie schützt, ohne gleich den “Belagerungszustand” auszurufen. Das kann im Hinblick auf den Fall der Fälle nützlich sein.

Hätten das Bundesamt und die WHO in Sachen Schweinegrippe hingegen nichts unternommen, wären vermutlich gewisse KantonsärztInnen, Vertreter von Polizeibehörden und ParlamentarierInnen mit repressiven Ideen auf den Plan getreten.Diese wären zwar kaum umgesetzt worden, hätten aber in den Medien eine enorme Beachtung gefunden. Und die Bevölkerung wäre überzeugt, Pandemievorsorge bedeute vor allem Repression.

Die Beschaffung des Impfstoffs hat allerdings die Staatskasse belastet, wovon gewisse Pharmaunternehmen natürlich profitiert haben. Hätten die Behörden keinen Impfstoff beschafft, wäre das Gezeter aber noch grösser gewesen. Nur schon die geringfügige Verzögerung bei der Verteilung führte im November ja zu einem Entrüstungssturm in den Medien. Heute decken die gleichen Medienschaffenden die Verantwortlichen mit Hohn und Spott ein.
rsp. 22.01.10

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