Was tun gegen den Pflegenotstand?

Jan 11th, 2010 | By sponline | Category: Hauptartikel, Migration, News

Einen Pflegenotstand sagt ein Bericht voraus, den die GesundheitsdirektorInnenkonferenz (GDK) und die Nationale Dach-Organisation der Arbeitswelt Gesundheit (OdASante) vorgelegt haben. Jedes Jahr würden im Gesundheitsbereich 4‘500 diplomierte Fachkräfte fehlen. Um Abhilfe zu schaffen, ist wohl die Zulassung zu den Gesundheitsberufen zu hinterfragen.

Heute wird der Mangel an Gesundheitspersonal durch die Anstellung von Mitarbeitenden aus dem Ausland ausgeglichen. 20 – 25 Prozent des Spitalpersonals stammen nach Aussage von GDK-Präsident Pierre-Yves Maillard aus andern Ländern. Mittelfristig werde die Rekrutierung ausserhalb der Landesgrenzen aber schwieriger, da auch dort Pflegepersonal fehle. Auf Kritik stösst die Anstellung ausländischer Pflegekräfte zudem, weil sie den Pflegenotstand <exportiert>.

Gute Arbeitsbedingungen sind nicht gratis

Den drohenden Pflegenotstand mildern könnte möglicherweise eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Die Krux ist jedoch, dass das nicht kostenlos ist. Da die Krankenkassenprämien extrem angestiegen sind, ist es ein Leichtes, die öffentliche Meinung gegen jede noch so geringe Mehrausgabe im Gesundheitswesen zu mobilisieren. Kaum ein Politiker oder eine Politikerin steht hin und sagt: Eine gute Gesundheitsversorgung kostet eben ihren Preis. Immerhin spricht sich Felix Schneuwly von santesuisse (Dachverband der Krankenversicherer) für eine höhere Entlöhnung und bessere Arbeitsbedingungen des Pflegepersonals aus, obwohl dies die Versicherer vordergründig stärker belasten würde (siehe: www.santesuisse.ch).

Die Pflege wird tertiarisiert

Zum Mangel an Gesundheitspersonal trägt wohl auch die restriktive Zulassung zu diesen Berufen bei. In den letzten Jahren wurde mit der Lehre zur Fachangestellten Gesundheit (FAGE) zwar ein neuer Zugang im Anschluss an die Volksschule eröffnet. Die Ausbildung zur diplomierten Pflegefachperson wurde hingegen mit höheren Hürden versehen. Der Beruf wurde tertiarisiert, das heisst, er setzt eine Ausbildung an einer Fachhochschule oder zumindest höheren Fachschule voraus. Und genau in diesem Bereich herrscht gemäss GDK-Bericht der grösste Mangel. Der Verdacht liegt auf der Hand, dass die herauf geschraubten Zugangsbedingungen abschreckend wirken. Eine Enttertiarisierung wäre zwar verfehlt, da sie in der Oeffentlichkeit als Entwertung der Pflege wahrgenommen würde. Ueber eine Anpassung der Aufnahme- und Selektionskriterien liesse sich aber sicher diskutieren.

Restriktiver Zugang zum Medizinstudium
Nebst dem Pflegenotstand zeichnet sich auch ein Mangel an Ärztinnen und Ärzten ab. Ohne ausländische MedizinerInnen müsste manches schweizerische Spital schliessen. Ein Grund für diesen Mangel ist zweifellos die hierzulande extrem restriktive Zulassung zum Medizinstudium. Einerseits wird die Quote der GymnasiastInnen im internationalen Vergleich niedrig gehalten, andererseits wir der Zugang zum Medizinstudium seit über zehn Jahren durch einen strengen Numerus clausus erschwert. Die Bevölkerung hat diese Politik bis vor kurzem mehrheitlich mitgetragen, weil ihr einerseits die Gesundheitsökonomen und Versicherer suggerierten, jeder zusätzliche Arzt und jede zusätzliche Ärztin treibe die Gesundheitskosten in die Höhe. Andererseits warnten die Universitäten vor einem Niveauverlust, der im Falle eines zu leichteren Zugangs zu universitären Bildungsgängen drohe. Inzwischen sind zwar Stimmen zu vernehmen, die den Zugang zum Universitätsstudium lockern wollen. BildungspolitikerInnen warnen jedoch mit Recht davor, die Akademikerquote allzu massiv hochzufahren. Denn dadurch würde die Berufsbildung entwertet, die ein Erfolgsmodell darstellt.
rsp. 11.1.10

Der GDK-Bericht (pdf) findet sich unter www.gdk-cds.ch

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